Helden auf vier Pfoten: Rettungshunde und Lawinenhunde

Hund Rettungshunde Lawinenhund

Rettungshunde und Lawinenhunde vollbringen körperliche und geistige Höchstleistungen. Für die vielseitige Ausbildung im Schnee brauchen nicht nur die Vierbeiner ein dickes Fell.

Ausbildung von Rettungs- und Lawinenhunden

Isabella Kraft aus Murau ist Zuchtleiterin des Vereins für Schweizer Sennenhunde in Österreich und bildet seit zehn Jahren Rettungshunde im Sportbereich für Fläche, Trümmer, Lawine und Fährte aus. Die Steirerin hat seit 35 Jahren Hunde und züchtet seit 1992 Berner Sennenhunde, die den Zwingernamen „von Murau“ tragen. Derzeit lebt die 45-Jährige mit acht Hunden im Familienverband.

„Ivette, such‘“, schickt Isabella Kraft ihre Berner Sennenhündin los. Sie zeigt mit dem Arm nach rechts, und das vierbeinige Kraftpaket kämpft sich voller Tatendrang durch den tiefen Schnee. Die Hündin läuft los, schnüffelt. Es scheint, als ob sie wahllos ihre Nase in verschiedene Richtungen strecken würde – dem ist aber nicht so: Die Hundedame sucht gezielt. Plötzlich steigert sich ihr Tempo, sie steuert auf einen Punkt im endlos scheinenden Schneefeld zu. Noch einmal steckt sie die Nase kurz in den Schnee – „Ivette“ vergewissert sich. Die Rute bewegt sich immer schneller, die Hündin beginnt zu bellen und mit den Pfoten die Schneedecke zu bearbeiten.

Isabella Kraft ruft „Anzeige“ und setzt sich mit ihren Tourenschi in Bewegung. Eilig gleitet sie zu ihrer Hündin, schlüpft aus der Bindung und beginnt kniend gemeinsam mit dem Vierbeiner, den Schnee auf die Seite zu schaufeln. Die Hündin wird immer aufgeregter, wedelt heftig und bellt weiter, bis sie zum „Opfer“ vordringen kann.

„Fein gemacht“, ruft der Mann in der Höhle und belohnt den Hund. Isabella Kraft wartet vor dem Schneeloch und freut sich über den Erfolg. Der Helfer ruft „fertig“ und gibt so das Zeichen, dass die Übung beendet ist. Isabella lässt ihre Hündin zu sich kommen, leint sie an, lobt ihre vierbeinige Partnerin ausgiebig und verlässt das Suchgebiet. Glänzende Hundeaugen strahlen ihr entgegen. Der fragende Blick und die leicht schwingende Rute signalisieren der Hundeführerin deutlich: „Ivette“ will noch einmal suchen, buddeln und belohnt werden!

Interview mit Isabella Kraft aus Murau

ROYAL CANIN: Bei der Lawinenhundearbeit verbringen Sie viele Stunden, auch bei Minusgraden, im Freien. Was fasziniert Sie daran so?

Isabella Kraft: Jeder Hund braucht eine Beschäftigung, und Spazierengehen ist den meisten Vierbeinern zu wenig. Meine Hunde und ich bewegen uns gerne im Schnee. Die Lawinenhundearbeit ist eine hervorragende Möglichkeit, das Tier körperlich und geistig – durch Nasenarbeit – zu fördern und zu fordern. Und man wird ein tolles Team! Die Lawinenausbildung findet im Winter im Gebirge als Trainingslager statt. Für Lawinensuche oder auch Flächen- und Trümmersuche muss man nicht bei einer Einsatzorganisation sein. Viele Hundesportvereine bieten die Möglichkeit einer Rettungshundeausbildung auf rein sportlicher Ebene an.

ROYAL CANIN: Was wird in den Lawinenkursen trainiert?

Isabella Kraft: Primär wird die Suche nach im Schnee verschütteten Personen, die sogenannte „Nasenarbeit“, trainiert. Natürlich sucht man nicht den ganzen Tag nach Personen. Diese Arbeit verlangt dem Hund große Konzentration ab und ist dementsprechend anstrengend. Im Regelfall arbeitet ein Team rund 20 bis 30 Minuten und braucht dann eine Pause. Darüber hinaus werden auch Unterordnung und Gewandtheit – selbstverständlich alles im Schnee – trainiert.

Die Unterordnung enthält je nach Prüfungsstufe und Prüfungsordnung modifizierte Übungen einer Begleithundeprüfung 2 mit „Sitz“, „Platz“, „Fuß“, Apportieren eines Gebrauchsgegenstandes und Ablegen, während ein zweiter Hund arbeitet. Bei der Gewandtheit lernt der Hund u. a. „Spuren gehen“, d. h., er muss der Spur des Hundeführers folgen. Ebenfalls muss sich der Vierbeiner in verschiedene Richtungen zu bestimmten Punkten schicken lassen und lernen, ohne Stress mit diversen Transportmitteln wie Ski- Doo, Sessellift oder Hubschrauber mitzufahren. Der Hund muss sich ebenso daran gewöhnen, von fremden Personen getragen zu werden.

Royal Canin: Das klingt, als ob der Hund nicht nur eine gute Nase, sondern nebenbei starke Nerven mitbringen sollte …

Isabella Kraft: Ja, ein Rettungshund braucht auf alle Fälle ein stabiles Wesen. Er darf sich nicht vor fremden Menschen fürchten oder aggressiv reagieren – auch nicht, wenn plötzlich irgendwo ein Schuss fällt. Ein ängstlicher Hund ist deshalb nicht geeignet. Es könnte beispielsweise passieren, dass er aus Angst das Opfer nicht anzeigt, nicht beim Opfer bleibt oder sogar das Suchgebiet verlässt.

ROYAL CANIN: Welche körperliche Konstitution braucht der Hund?

Isabella Kraft: Das Tier muss gesund sein. Natürlich bedarf der Vierbeiner neben einer guten Nasenveranlagung einer gewissen körperlichen Fitness, um den Anforderungen gerecht zu werden. Speziell im Schnee benötigt der Hund genügend Kälteresistenz, eine bestimmte Körpergröße und Kraft. Bei der Suche auf Trümmern oder der Fläche gibt es auch kleinere Hunde, die sehr erfolgreich sind.

ROYAL CANIN: Gibt es spezielle Hunderassen, die für die Arbeit im Schnee geeigneter sind?

Isabella Kraft: Unter den erfolgreichen Hunden befinden sich Deutsche Schäferhunde, Malinois, Border Collies, Retriever, Riesenschnauzer genauso wie Mischlinge. Aber natürlich auch Berner Sennenhunde und viele andere Rassen.

ROYAL CANIN: Wie sieht die Ausbildung zum Lawinenhund bzw. Rettungshund aus?

Isabella Kraft: Die Ausbildung dauert ungefähr zwei Jahre. Die Junghunde lernen zuerst, den eigenen Hundeführer in einer offenen Schneehöhle durch Bellen anzuzeigen. Anschließend setzt sich eine fremde Person in die Höhle, und das Loch wird allmählich zugemacht. So lernt der Hund, seine Nase einzusetzen, um den Menschen zu finden. Einem Jungtier fällt es auf einem offenen Schneefeld leichter, die Nase zielgerichtet einzusetzen, weil es nicht so viele Geruchs-Ablenkungen gibt wie beispielsweise im Wald, wo viele andere Tiere oder Menschen unterwegs sind.

ROYAL CANIN: Was motiviert den Hund?

Isabella Kraft: Das Tier verknüpft mit dem menschlichen Geruch eine positive Bestätigung bzw. Belohnung. Meine Berner Sennenhunde arbeiten am liebsten für Futter. Es gibt aber viele Vierbeiner, für die Beißwurst, Ball oder anderes Spielzeug das Größte ist. Der Hund wird für jeden richtigen Übungsschritt belohnt und hat dadurch große Freude an der Arbeit, weil er weiß, dass beim Opfer etwas Tolles auf ihn wartet. Eine ganz wesentliche Rolle bei der Ausbildung spielen deshalb die Helfer. Das sind sowohl andere Hundeführer als auch Freiwillige. Sie sind es, die den Hund zum Suchen motivieren, ihn belohnen und das korrekte Anzeigen formen.

ROYAL CANIN: Nicht nur der Hund muss bestimmte Eigenschaften für das Lawinentraining mitbringen, auch der Mensch. Welche Voraussetzungen braucht der Hundeführer?

Isabella Kraft: So wie der Hund muss auch der Mensch körperlich fit sein. Von Vorteil ist Schneeerfahrung wie beispielsweise das Gehen mit Schneeschuhen. Ab einer gewissen Ausbildungsstufe wird mit Tourenschi trainiert. Wichtig ist Teamgeist, denn die Hundeführer unterstützen sich bei der Ausbildung gegenseitig als Helfer. Das heißt, dass man ebenfalls bereit sein muss, einmal einige Zeit als „Opfer“ in einem Schneeloch zu sitzen. Übrigens: Das ist eine durchaus bemerkenswerte Erfahrung.

ROYAL CANIN: Mit welchem Zeitaufwand muss der Hundehalter rechnen?

Isabella Kraft: Im Winter gibt es Intensivkurse in den Bergen, die mehrere Tage dauern. Im Sommer sollte schon zwei Mal pro Woche jeweils ein halber Tag auf der Fläche, auf Trümmern, sollten Unterordnung und Gewandtheit trainiert werden.

Weitere Informationen zur Lawinenhundestaffel finden Sie hier.