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Der Hund die alternative Medizin

Die einen glauben dran, die andern nicht. Wie auch immer, die sanfte Medizin wird beim Hund genauso angewandt wie beim Menschen, und immer wieder auch mit Erfolg, wenn man den Experten glauben darf. Die sanfte Medizin auszuschließen, erschien uns daher weder gerechtfertigt noch objektiv. Die interessierte und in verschiedenen Fachgebieten spezialisierte Tierärzteschaft hat sich in nationalen und internationalen Fachgruppen zusammengeschlossen, die Ausbildungslehrgänge anbieten.

Homöopathie

Das Prinzip der Homöopathie ("simili similibus curant") ist wohlbekannt und meint die Behandlung des Übels durch das Übel: Ein Stoff oder eine Substanz, die für eine bestimmte Erkrankung verantwortlich ist, wird um ein Vielfaches verdünnt, um damit dann die Erkrankung zu bekämpfen. Tatsächlich findet das Konzept dieser "Hahnemannschen Therapie", wie sie nach ihrem Begründer auch genannt wird, eine gewisse Verbreitung, obwohl die für die Therapie verwandten, fast bis ins Unendliche verdünnten Substanzen nicht immer auf die behandelte Krankheit zurückzuführen sind. Homöopathische Arzneimittel gibt es in flüssiger Form (zum Tropfen), als Tabletten oder Globuli. Sie kommen in Centesimalverdünnung (C) oder Dezimalverdünnung (D) zur Anwendung. Normalerweise werden sie zwischen den Mahlzeiten und mehrmals täglich eingenommen. Heute stehen dem Tierarzt verschiedene Stufen dieser homöopathischen Behandlung zur Verfügung.

Phytotherapie

Obwohl sie in der Hundemedizin noch nicht sehr entwickelt ist, hat die Phytotherapie ihren Platz unter den "sanften Heilmethoden". Unbestreitbar haben bestimmte Pflanzen heilende Wirkung. So manche unseriöse Behandlungsformen, die von populären Persönlichkeiten aus der Welt der Medien und der Kunst entwickelt oder propagiert werden, lassen leicht vergessen, dass die Mehrzahl der allopathischen Heilmit-tel pflanzlichen Ursprungs sind. Selbstverständlich sollte es sein, die Heilwirkung bestimmter Pflanzen richtig zu werten, ohne den Boden exakt wissenschaftlicher Methoden zu verlassen und lediglich zu behaupten, dass man mit Pflanzen alles kurieren könne, etwa nach dem Motto: "gegen jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen". Die Heilpflanzen können in ihrer Gesamtheit angewandt werden ("einfache Anwendung"), als Extrakte von essentiellen Ölen ("Aromatherapie") oder in Form von konzentrierten Wirkstof-fen aus bestimmten Pflanzenteilen (Knospen, Wurzeln, Triebe etc., man spricht von "Geminotherapie"). Der Gebrauch von Tonerdemineralien wie etwa Heilerde für die Behandlung von leichtem Durchfall beruht auf eben dieser Logik der Naturheilpraxis.

Akupunktur

Die Akupunktur geht direkt aus der Tradition der chinesischen Medizin hervor, dabei werden Nadeln an genau definierten Körperstellen platziert. Sie wird auch beim Hund angewandt. Auch hier haben sich einzelne Tierärzte spezialisiert, mit guten Ergebnissen, besonders bei der Behandlung von chronischen Lahmheiten. Die veterinärmedizinische Fakultät der Universität Peking bietet Studenten eine komplette Ausbildung in diesem Fach an. Bestimmte Anästhesien für chirurgische Eingriffe können sogar nur mit Hilfe der Akupunktur durchgeführt werden.

Osteopathie

Der Begriff Osteopathie ist sicherlich nicht ganz zutreffend für eine medizinische Praxis, deren Wirksamkeit auch niemand bestreiten will, sofern sie von Fachleuten mit biologischer und medizinischer Ausbildung bzw. - beim Hund - von Tierärzten angewandt wird. Die Wirbelsäule stellt das eigentliche Gerüst des lebendigen Organismus dar, von dem sämtliche Nerven ausgehen, die wiederum bis an jeden Punkt des Körpers reichen. Die gezielte Manipulation der Wirbel sowie manchmal der Extremitäten kann in vielen Fällen (Schmerzen, Lahmen, Neuralgien) die Dinge wieder zurechtrücken, nachdem die traditionelleren Methoden versagt haben.

Alle diese Methoden, zu Recht oder zu Unrecht als "alternative Medizin" bezeichnet, können sich nur in der Praxis bewähren:

  • durch Fachleute (Tierärzte), unter Ausschluss aller Quacksalberei ohne wissenschaftliche Grundlage,
  • als perfekte Ergänzung zu den traditionelleren medizinischen und chirurgischen Behandlungsformen,
  • durch klare Einsicht in ihre Grenzen, die Behandlung von Traumen, Krebs oder Infektionskrankheiten kann sich mit den sanften Heilmethoden allein nicht begnügen.


DIE BEDEUTUNG DER TIERMEDIZINISCHEN FORSCHUNG FÜR DIE HUMANMEDIZIN

Studien über Tierkrankheiten haben gewisse Ähnlichkeiten zu Erkrankungen beim Menschen aufgezeigt, sowohl in ihrer Symptomatik als auch in ihren Ursachen. So kennt die Pathologie der Muskulatur beim Hund einige Krankheiten, die Parallelen zur Humanmedizin aufweisen. Dieses Wissen lässt uns hoffen, dass eine tiefergehende Erforschung der Tierkrankheiten zu einer Quelle für neue Erkenntnisse über die Mechanismen der menschlichen Karnkheiten wird und uns erlaubt, wirksame Behandlungsmethoden zu finden. Dies umso mehr als der Hund groß genug ist, um diese später beim Menschen anwendbar zu machen, während die Umsetzung ausgehend von kleinen Tierarten wie Mäusen immer schwieriger ist. Zwei Beispiele sollen uns helfen, die Bedeutung der vergleichenden Pathologie und ihre Rolle in z.B. der Erforschung der Myopathien beim Menschen besser zu verstehen. Bei der Duchenne-Lähmung etwa handelt es sich um eine relativ häufige Erbkrankheit beim Menschen, die einen von 3500 Jungen betrifft. Sie verläuft dramatisch, da sie ab einem Alter von 4 bis 5 Jahren auf Grund einer Zersetzung der gesamten Muskulatur zu rapidem Verlust der Muskelkraft führt. Die erkrankten Kinder sind früh an den Rollstuhl gefesselt und versterben häufig noch vor dem 21. Lebensjahr. Diese Krankheit, die durch ein geschlechtsgebundenes Chromosom übertragen wird, geht zurück auf ein defektes Gen, das normalerweise für die Bildung eines Proteins namens Dystrophin verantwortlich ist. Dieses wiederum ist notwendig für die Stabilität der Muskelzellenmembrane und somit für die Erneuerung der Strukturen innerhalb und außerhalb der Muskelzellen. Diese komplexe Krankheit ist aber weder völlig geklärt, noch kann sie effizient behandelt werden. Beim Hund kennt man eine Myopathie, die auf eine geschlechtsgebundene muskuläre Dystrophie mit rezessivem Charakter zurückzuführen ist. Es handelt sich also um eine Krankheit, die der Pathologie beim Menschen nahe verwandt ist. Ihre Erforschung könnte helfen, die Myopathie beim Menschen besser zu verstehen. Systematische Therapieversuche können beim Hund vorgenommen werden, entweder durch eine bestimmte Medikation oder durch eine Gentherapie, die etwa in einem Gentransferbestehenkönnte, wobei die Gene in der Lage wären, die Dystrophininsuffizienz zu korrigieren und somit eine normale Membrandurchlässigkeit der Muskelzellen wiederherzustellen. Eine andere bedeutende Krankheit ist die Myasthenie (Myasthenia gravis). Es handelt sich um eine neuromuskuläre Erkrankung der quergestreiften Muskulatur. Die Funktion von Acetylcholin, als Erregungsvermittler an den Nervenrezeptoren unterbleibt, so dass Muskelkontraktionen unmöglich sind. Die Erkrankung kann beim Hund wie auch beim Menschen vererbt oder erworben sein. Hier wiederum können Therapieversuche beim Hund wertvolle Hinweise für eine Behandlung der Krankheit bei Menschen geben. Beispiele wie diese aus der Myopathologie könnte man ebenso in vielen anderen medizinischen Fachgebieten finden. Die bei Hunden auftretenden Erkrankungen sind daher wichtig, da betroffene Tiere dabei helfen können, die medizinische Forschung voranzutreiben. Zweifellos kann die Humanmedizin viel aus den Fortschritten in der Tiermedizin lernen, um selbst wiederum unser Wissen um die Tierkrankheiten zu erweitern. Professor Robert Moraillon
Leiter der Abteilung für Aufzucht und Pathologie von Einhufern und Fleischfressern
École nationale vétérinaire d'Alfort, Frankreich