Elemente der Genetik
Ohne an dieser Stelle auf die komplexen Methoden der genetischen Selektion ingehen zu wollen, die in der Zucht angewandt werden, ist es sicherlich für jeden von Nutzen, über ein gewisses Grundverständnis dieser häufig sehr komplexen Wissenschaft, der Genetik, zu verfügen, um zumindest die Frage beantworten zu können, wie genetische Merkmale weitervererbt werden. In der Genetik ist ein Merkmal der sichtbare oder messbare Ausdruck eines oder mehrerer Gene. Die Fellfarbe, die Fähigkeit eines Hundes zum Aufstöbern von Wild, die Widerristhöhe und Erkrankungen wie die Hüftgelenks-dysplasie stellen ebenfalls "genetische Merkmale" im weitesten Sinne des Wortes dar.
Genetische Festlegung der Merkmale
Ein Gen ist eine Programmeinheit an einer genau festgelegten Stelle (Locus) eines Chromosoms. Wäre das Gen eine Note in der Musik, kann man sich das Chromosom als materielle Stütze dieser Note vorstellen, d. h. die Partitur. Alle Zellen eines Hundes enthalten im Kern 39 Chromosomenpaare, mit Ausnahme der kernlosen Zellen (beispielsweise die roten Blutkörperchen) und der Keimzellen (Spermien und Eizellen), die die 39 Chromosomen nicht als Paare, sondern einzeln enthalten.
Die Gesamtheit der Chromosomen mit den enthaltenen Genen bilden das genetische Erbe oder Genom des Individuums, d. h. das vollständige Programm, das sein Aussehen und einen großen Teil seines Verhaltens bestimmt.
Die Chromosomen sind jeweils doppelt, also paarweise vorhanden, weil sie zur Hälfte vom Vater und zur Hälfte von der Mutter stammen (im Folgenden "Allele" genannt). Manchmal wirken diese beiden "Stimmen" auf dieselbe Weise und geben daher der Zelle denselben Befehl: in diesem Fall heißt das Individuum homozygot im Hinblick auf das betrachtete Merkmal. So ist z. B. das Allel "b" (für "brown") für ein braunes Fell des Welpen verantwortlich, wenn es auf beiden elterlichen Chromosomen vorhanden ist. Der Welpe heißt dann "homozygot b/b".
Wenn dagegen das väterliche Chromosom das Gen "B" für "black" (also schwarz) trägt und das der Mutter das Gen "b", heißt der Hund "heterozygot B/b", und das Fell ist ebenso schwarz wie das des Vaters. In diesem Fall ist das Gen "B" (Großbuchstabe) dominant im Bezug auf das Gen "b" (Kleinbuchstabe), das dementsprechend rezessiv genant wird. Die Homozygotie ist also eine unverzichtbare Bedingung für die morphologische Umsetzung eines rezessiven Gens.
Neue Perspektiven bei der verbesserung des Genmaterials beim Hund
Der Hund gehört zu den letzten großen Haustierarten, die noch nicht von der revolutionären Entwicklung bei den Methoden und Technologien der genetischen Verbesserung betroffen sind. Man muss sagen, dass der soziale Status des Hundes, der dem Menschen auf emotionaler Ebene sehr nahe steht, ihn für eine wissenschaftliche, äußerst rationelle Herangehensweise an die Selektion ungeeignet macht. Diese Tatsache ist auch unter den Haustieren ein einzigartiger Faktor.
Vom Phänotyp und vom genetischen Standpunkt aus zeichnet sich der Hund durch eine bemerkenswerte Vielfalt seiner morphologischen und psychischen Eigenschaften aus, die zum einen durch ästhetische Bestrebungen, zum anderen durch Nützlichkeitsaspekte motiviert sind. Die traditionellen Auswahlmethoden haben bei vielen Rassen zwar zu guten Ergebnissen geführt, müssen heute jedoch von effizienteren und in der Tat auch komplexeren Prozessen abgelöst oder vervollständigt werden. Dies kann rasch durch die übertragene Anwendung von Kenntnissen geschehen, die bei anderen Arten auf diesem Gebiet erworben wurden.
Das Ziel dabei ist, den genetischen Wert jedes Hundes, den so genannten genetischen Index, bewerten zu können. Dieser Index zeigt das tatsächliche Potenzial des Tieres, das es an seine Nachkommenschaft weitergibt. Die Berechnung und der Einsatz von genetischen Indizes werden demnächst beim Malinois, einem belgischen Schäferhund, durchgeführt. Dieses Vorgehen ist eine große Premiere und muss anschließend nur noch vereinheitlicht werden. Das stellt für die Hundeliebhaber eine echte Herausforderung dar, die nur durch eine Zusammenarbeit von Züchtern, Wettbewerbsteilnehmern, den Verantwortlichen für die Rasseanerkennung und der zentralen Hundevereinigung (Société central canine) in Frankreich sowie Wissenschaftlern angegegangen werden kann.
Prof. Jean-Francois Courreau
Leiter der Abteilung für Zootechnologie
Staatliche Tierärtzliche Hochschule von Alfort, Frankreich.
Übertragung der Merkmale
Beim Entstehen der Keimzellen werden die 39 Chromosomenpaare der Ausgangszelle in einem komplexen Vorgang, der Meiose, voneinander getrennt, vermischt und neu verteilt, etwa wie bei einem Satz Karten. So entsteht in jedem Gameten eine andere Kombination der 39 Chromosomen.
Die genetische Vielfalt der Gameten sichert die Genvarianz in jeder Hunderasse. Die Vereinigung von Samen- und Eizelle (Befruchtung) führt zur Bildung der Zygote (befruchtete Eizelle), in der die Chromosomen der Elternteile sich erneut zu homologen Paaren vereinigen.
Die Natur hat also offensichtlich zwei Ebenen der unwillkürlichen und unkontrollierten Selektion eingerichtet:
- die erste während der Meiose, in der jeder Gamet mit einer anderen genetischen Information ausgestattet wird,
- - die zweite bei der Befruchtung, da es hier unmöglich vorauszusehen ist, welche Samenzelle eine Eizelle befruchten bzw. welche Eizelle befruchtet wird.
Ergänzend lässt sich noch sagen, dass einige Gene mutieren können und auf diese Weise das kodierte Merkmal verändern; im Moment der Empfängnis stehen die Chancen bei jedem Individuum etwa eins zu zehn, dass eins seiner Gene mutiert.
BEISPIEL FÜR EINE ZUFÄLLIGE ÜBERTRAGUNG ZWEIER MERKMALE BEI DER BESAMUNG VON SAMENZELLEN (MEIOSE)
Ist das Erscheinungsbild ein Spiegel der Gene?
Wie wir gesehen haben, gibt es also dominante und rezessive Merkmale, so z. B. die Farbe Schwarz (B), die beim Fell dominant über Braun (b) ist. Bei einem Hund mit braunem Fell ist der Genotyp also leicht zu bestimmen: Er kann nur b/b sein, da das rezessive Merkmal "Braun" nur homozygot in Erscheinung tritt. Bei den rezessiven Genen ist also der Phänotyp (das Sichtbare) ein recht genauer Spiegel des Genotyps.
Der Erscheinung "schwarzes Fell" dagegen können zwei verschiedene Genotypen zugrunde liegen: B/b (heterozygot) und B/B (homozygot). Im ersten Fall ist der Hund schwarz, trägt aber ein Allel für Braun in sich, das er seinen Nachkommen vererben kann; im zweiten Fall gibt der homozygot schwarze Hund auf jeden Fall eines der Allele für Schwarz an seine Nachkommen weiter, die aus diesem Grund in der ersten Generation alle schwarz sind, egal welche Allele sich sonst in ihrem genetischen Erbe befinden.
Erbkrankheiten beim Hund
Gegenwärtig unterscheidet man beim Hund nicht weniger als 250 Krankheiten (Erbfehler oder Genfehler genannt), die genetischen Ursprungs sind; 90 davon sind auf ein rezessives Gen zurückzuführen, 15 auf ein dominantes und 45 auf ein Zusammenwirken mehrerer Gene.
Die durch ein rezessives Gen verursachten Krankheiten zeigen sich nur, wenn das Gen doppelt vorhanden ist (also beide Elternteile das Gen weitergeben). Bei einem heterozygoten Hund bricht die Krankheit also nicht aus, er kann sie jedoch an seine Nachkommen vererben. Ein solches Tier wird "Merkmalsträger" genannt. Die Maßnahmen zur Verhinderung des Ausbruchs einer solchen Krankheit erfordern daher eine genaue Kenntnis der Ahnen des Zuchthundes; das endgültige Ziel dabei ist die Eindämmung, bzw. Ausrottung der Krankheit (wie bei der Collie-Augen-Anomalie). Bei den Krankheiten, die durch ein dominantes Gen ausgelöst werden, kann es keine gesunden Träger geben; daher ist es einfacher, die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern, indem man die betroffenen Tiere einfach von der Zucht ausschließt. Bestimmte Krankheitsbilder jedoch, z. B. die fortschreitende Atrophie (Schrumpfung) der Netzhaut, zeigen sich erst zu einem späten Zeitpunkt im Leben des Hundes, manchmal erst nachdem er schon zur Zucht eingesetzt wurde - eine Erklärung für den Fortbestand solcher Krankheiten bei einigen Rassen. Andere Krankheiten, wie die mit dem "Merle"-Gen in Verbindung stehenden Anomalien (vor allem Taubheit) kommen bei bestimmten, resistenten Tieren gar nicht zum Ausbruch und werden unbemerkt weitervererbt.
Andere Erkrankungen entstehen schließlich aus dem Zusammenwirken mehrerer Gene, von denen jedes einzeln zu wenig Auswirkungen zeigt, um die Krankheit zu verursachen. Erst durch die Kombination der ungünstigen Gene und Haltungsfehler (unausgewogene Ernährung, übermäßige Bewegung) kommt es durch das Zusammenwirken und die gegenseitige Verstärkung der Faktoren zum physischen Ausdruck des Fehlers. Hüftgelenksdysplasie, Kryptorchismus oder Gebissanomalien sind nur einige Beispiele für diesen Determinismus, gegen den ein Vorgehen im Einzelfall verständlicherweise sehr schwierig ist. Je früher dabei der Fehler erkannt wird, desto besser. All diese Beispiele zeigen, wie komplex die Genetik des Hundes ist, und nur durch genaue Kenntnisse dieses Gebietes können gute Züchter der Öffentlichkeit hochwertige Welpen bieten.





