Physiotherapie und funktionelle Heilgymnastik
Die Physiotherapie ist eine medizinische Disziplin, die darauf ausgerichtet ist, die normale Funktion eines anatomischen Elements durch verschiedene nicht-invasive Behandlungsmethoden wie beispielsweise Wärmetherapie (im wesentlichen Ultraschall), passive Mobilisierung eines Gliedes, neuromuskuläre Stimulation oder einfache Übungen der Heilgymnastik wiederherzustellen. Die Anwendung der wissenschaftlichen Methoden der Physiotherapie zur Beschleunigung der Genesung beim Hundeathleten oder bei einem Hund, der einen chirurgischen Eingriff am Knochen oder Muskel hinter sich hat, hat erst seit kurzer Zeit Einzug in die Tiermedizin gefunden, und zwar in Verbindung mit der Gründung des Verbands für Zucht- und Sportmedizin der Tierärztlichen Fakultät Maisons-Alfort. Daher befindet sich die Anwendung dieser Methoden zur Verbesserung des Erholungsprozess von Hundeathleten noch in der Anfangsphase.
Vorteile der Physiotherapie
Ziel der Physiotherapie ist das Wiedererlangen der normalen Funktion des betroffenen anatomischen Elements bzw. Tieres. Sehr häufig ist die chirurgische Behandlung eines Muskel-, Bänder- oder Sehnenrisses oder die Stabilisierung eines Knochenbruchs nämlich nur die erste Phase der Wiederherstellung des Tieres. Wird diese nicht in angemessener Art und Weise fortgesetzt, werden die physischen Fähigkeiten des Hundes unweigerlich beeinträchtigt und er kann infolge dessen keine volle athletische Leistung mehr zeigen. Die Vorteile der Physiotherapie für den Hundepatienten lassen sich daher folgendermaßen zusammenfassen:
1. Gesteigerter Blut- und Lymphfluss
2. Vorzeitiger Rückgang von Entzündungsprozessen
3. Gesteigerte Produktion von Ersatzgewebe
4. Verhindern des Zusammenziehens der die Gelenke umhüllenden Membrane
5. Schnelleres Wiedererlangen der normalen Funktionen des verletzten Gelenks
6. Verhindern von Muskelschwund
Einer der nicht zu vernachlässigenden positiven Aspekte der Physiotherapie ist die Tatsache, dass der Besitzer des Tieres in den Ablauf der Behandlung mit einbezogen wird, so dass er zum Teil mitverantwortlich für die Genesung des Hundes ist.
Wärmebehandlungen
Wärme ist die älteste Heilmethode überhaupt und erweist sich häufig als sehr wirksam. Sie hat folgende positive Auswirkungen:
- Die Entzündungsreaktion (Wärme, Schmerz, Schwellung, Muskelzuckungen) wird vermindert,
- der Stoffwechsel der erwärmten Gewebe wird angekurbelt,
- Narbengewebe wird dehnbarer,
- der Blutfluss wird angekurbelt,
- der Schmerz wird gelindert.
Wärmebehandlungen können oberflächlich sein (Wärmekompressen, Wärmelampen, Hydrotherapie), beispielsweise im Falle einer Fingerverletzung, oder es kann eine "Verteilung relativer Wärme" erfolgen, die beispielsweise mit Ultraschall oder Ultrakurzwellen durchgeführt wird. Außerdem können tiefe Wunden mit Wärme behandelt werden; hierfür werden Ultraschallgeräte verwendet, die bei Heilgymnastikern sehr weit verbreitet sind.
Passive Mobilisierung und Massagen
Bei der passiven Mobilisierung bewegt der Therapeut die entsprechenden Gliedmaßen mit dem Ziel, die Beweglichkeit von Gelenken oder die Geschmeidigkeit und Elastizität von Weichteilen wiederherzustellen. Sie stellt eine wichtige Vorbeugungsmaßnahme dar, um nach dem Entstehen einer Wunde zu verhindern, dass Gewebe zusammenklebt und um die normale Dynamik von Gelenken zu erhalten.
Sie kurbelt die Blut- und Lymphdrainage an und beugt Muskelkrämpfen und Gelenkblockaden vor. Eine Wärmebehandlung muss noch am selben Tag eines chirurgischen Eingriffs eingeleitet werden und wird während zwei bis drei Wochen fortgesetzt.
Massage kann dann nützlich sein, wenn keine Muskelverletzung vorliegt; sie lindert den Schmerz und verbessert den Blutkreislauf.
Schwimmen
Beim Schwimmen werden die Gelenke gedehnt und die Muskeln betätigt, ohne dass die Organe dabei mit Gewicht belastet werden. Außerdem ermöglicht es weit ausgedehnte Gelenkbewegungen und kann schon sehr bald nach einem chirurgischen Eingriff verordnet werden.
Elektrostimulation
Kleine autonome Geräte zur Elektrostimulation von Nerven und Muskeln bewirken, dass sich die Hauptmuskelgruppen durch die Haut rhythmisch zusammenziehen. Sie verhindern Muskelschwund aufgrund von Zwangsruhe oder längerer teilweiser Bewegungsunfähigkeit.
Scwachstromlaser
Therapien mit schwachen Laserstrahlen und elektromagnetischen Feldern werden ebenfalls eingesetzt, und dies, so scheint es, mit guten Ergebnissen bei Muskel- und Sehnenverletzungen.
Ein korrekt durchgeführtes Physiotherapieprogramm ist ein wesentliches Element für die Genesung des Hundes. Zusammen mit dem Hundebesitzer kann ein mehrwöchiger Plan zur funktionellen Heilgymnastik aufgestellt werden, der die beschriebenen Methoden umfasst - ganz so, wie es beim Menschen getan wird.
BEISPIELE FÜR PHYSIOTHERAPIE PROTOKOLLE
Fall 1
Greyhound, dessen Mittelfußfraktur operativ gerichtet wurde.
1. und 2. Woche
Ruhestellung per Gipsverband.
Passive Mobilisierung von Hüfte und Knie.
Stimulierung des Quadrizeps-Muskels.
3. und 4. Woche
Ruhestellung per Gipsverband.
Passive Mobilisierung von Hüfte und Knie.
5. Woche
Abnahme des Gipsverbandes.
Röntgenkontrolle der Fraktur.
Passive Mobilisierung von Hüfte, Knie und Tibio-Tarsal-Gelenks.
Stimulierung des Gastroknemiusmuskels und des tibio-kranialen Muskels.
Tägliches Schwimmen (einige Minuten).
Ruhestellung im Zwinger mit kurzen Spaziergängen an der kurzen Leine zur Bedürfnisverrichtung.
6. Woche
Kurze Spaziergänge an der kurzen Leine.
Tägliches Schwimmen.
Passive Mobilisierung der Mittelfußgelenke.
7. Woche
Kurze schnellere Spaziergänge, freilaufend.
Tägliches Schwimmen.
Längere langsame Spaziergänge.
8. und 9. Woche
Langsamer Anstieg der Dauer und Intensität von Schritt, Trab und Rennen.
10. Woche
Wiederaufnahme des Trainings.
Fall 2
Greyhound mit geschlossener Schenkelfraktur, durch Richten und Anbringen einer Platte behandelt.
1. Woche
Passive Mobilisierung von Sprunggelenk und Hüfte
Beinmassagen.
Auflegen von Kaltkompressen auf den Narben-bereich zur Verhinderung von Entzündungen oder Ödemen.
Elektrostimulierung der Schenkelmuskeln (vor allem des Quadrizeps).
2. Woche
Entfernen der Platte.
Passive Mobilisierung.
Massagen.
Falls erforderlich, Auflegen von Kaltkompressen.
Elektrostimulierung.
3. Woche
Muskel-Diathermie.
Passive Mobilisierung.
Elektrostimulierung.
Schwimmen (dreimal pro Woche eine Minute).
Spaziergänge an der kurzen Leine.
4. Woche
Muskel-Diathermie.
Passive Mobilisierung.
Schwimmen (fünfmal pro Woche 1 bis 2 Minuten).
Spaziergänge an der Leine.
5. und 6. Woche
Spaziergänge an der Leine.
Schwimmen.
7. und 8. Woche
Physiotherapie durch den Besitzer.
Spaziergänge an der Leine in abschüssigem Gelände, über schiefe Ebenen oder Treppen.
In allen Fällen der physiotherapeutischen Behandlung ist es sehr wichtig, die Fortschritte des Hundes wöchentlich zu dokumentieren. Bei einem Plan, der sich über mehrere Wochen erstreckt, darf erst dann mit der nächsten Stufe begonnen werden, wenn die Ziele der vorherigen Stufe erreicht wurden.
Der Hundebesitzer kann das Ende der Behandlung nur dann durchführen, wenn das Tier soweit genesen ist.


