Genetische Auswahl des Hundes
Im Gegensatz zu anderen großen Haustierrassen ist der Hund von der Revolution der Methoden und Techniken zur genetischen Veredelung bislang unberührt geblieben. Dies liegt im Wesentlichen darin begründet, dass die soziale und wirtschaftliche Stellung des Hundes eine andere als die der so genannten "Nutztiere" in Industriegesellschaften ist. Aus dieser Tatsache rührt die hauptsächliche genetische Ausrichtung der Spezies Hund her, die sich durch eine gewollte morphologische Diversität auszeichet und vor allem ästhetischen Kriterien unterliegt. Dennoch erfolgte die Selektion gleichzeitig auch aufgrund bestimmter Eigenschaften und Verhaltensweisen, was verschiedene Zuchtrichtungen nach Schönheit und Leistung mit sich brachte und zur Entstehung der verschiedenen Gebrauchshunde führte, aus denen wiederum die Sporthunde hervorgingen.
Die Wichtigkeit der Arbeitsergebnisse
Die Auswahl der Zuchttiere unter den Sporthunden erfolgt aufgrund ihrer Arbeitsergebnisse. Ziel des Genetikers ist es, die potenziellen Erbträger bestmöglich miteinander zu vergleichen, nämlich das übertragbare genetische Potential (zusätzliche genetische Werte) und die erbrachten Leistungen (Phänotyp). Ein derartiger Vergleich ist ausschließlich im Rahmen sportlicher Prüfungen durchführbar, denen genaue Regeln zugrunde liegen. Ohne hierbei den Wert und die Erfahrung bestimmter Züchter unterschätzen zu wollen, ist es derzeit jedoch noch nicht möglich, eine Klassifizierung der Hunde einer Rasse nach ihrem Zuchtwert vorzunehmen. Daraus lässt sich folgern, dass die besten Vererber von Sporthunden lediglich annähernd und häufig auch noch zu sehr auf der Grundlage von Erfahrungswerten ausgewählt werden.
Daher muss noch viel unternommen werden, um aussagefähige Kriterien für die genetische Selektion von Sport-, Gebrauchs- und Nutzhunden zu entwickeln. Bei einer direkten Zuchtauswahl (Versuch der Verbesserung eines Arbeitsziels) liegt das Hauptproblem darin, dass sportliche Leistungen oft schwierig zu messen sind, was Objektivität, Präzision und Zuverlässigkeit (wiederholbarkeit) anbetrifft.
Das Rennen eines Windhundes, dessen Zeit gemessen wird, stellt die günstigste Idealsituation dar, bei der mehrere Auswahlparameter festgehalten werden können:
- Die Bestzeit bei verschiedenen Rennen in einer Veranstaltung,
- Die sich aus den Rennen ergebende Durchschnittszeit.
Bei Ringwettbewerben werde noch andere Parameter einbezogen:
- Notierung gemäß des Punkteschlüssels der Richter oder eines anderen Punkteschlüssels,
- Wertung,
- Punkte, aus denen das Niveau des Wettbewerbs und der Leistung ersichtlich ist (wie beim Turnierpferd).
Auch Kriterien der indirekten Selektion (die die Leistung beeinflussen) können herangezogen werden. Hierbei kann es sich um Leistungstests unter vereinheitlichten Bedingungen handeln, es kann die Beinlänge des Windhundes sein, wenn diese als sich positiv auf seine Schnelligkeit auswirkend betracht wird, oder auch das Verhalten der Winkelung zwischen den Knochensegmenten während der Prüfung.
Die heutige Orientierung geht, gemäß der Untersuchung von Jean-François Courreau, Genetikspezialist im Bereich Hundesport bei der ENVA, in Richtung eines Index der genetischen Selektion. Dieser wird anhand mehrerer Leistungen des Hundes erstellt und verschiedenen mathematischen Berechnungen unterzogen. Erste Ergebnisse wurden beim Whippet im Rennen und beim belgischen Malinois im Ringwettbewerb erzielt; sie ermöglichen es, in Zukunft die Methoden der modernen Genetik auf den Sporthund anzuwenden.
GRÖSSE: ÜBER GESCHMACK LÄSST SICH STREITEN
Die Größe der Hunde variiert häufig gemäß der verschiedenen Modetrends, die Relation zwischen den Qualitäten eines Hundes und seiner Größe ist alles andere als deutlich. In Frankreich wird vor allem Wert auf die Einhaltung des Rassestandards gelegt. Die Geschmäcker liegen jedoch in der Natur und es gibt Hundefreunde, die kleine und große Hunde gleichermaßen mögen, und dies aus Gründen, die mit ihrem praktischen Einsatz häufig nichts zu tun haben. Gewiss betrachteten die Jäger, die die heute bekannten Rassen mit begründet haben, die Dinge früher sehr viel stärker unter dem Gesichtspunkt der Gebrauchstüchtigkeit. Hunde verschiedener Größen waren für bestimmte Aufgaben vorgesehen und diese technische Vorstellung gilt auch heute noch, vor allem bei speziellen Jägern. Modetrends, die im übrigen mehr oder weniger langlebig und interessant sind, gibt es zu allen möglichen Dingen. Wenn ein bestimmter Hund in Mode kommt, beispielsweise, weil er im Field Trail erfolgreich ist, wird er häufig decken und seine Spuren in der jeweiligen Rasse hinterlassen. War er sehr in Mode und gehen aus ihm eher kleine Hunde hervor, führt dies unweigerlich in einigen Jahren zu einer Verkleinerung der Durchschnittsgröße der Rasse. Die Nachkömmlinge dieses "Modehundes" werden, wenn sie ebenso beliebt sind, möglicherweise ihrerseits häufig decken, so dass auch sie sich zahlreich fortpflanzen. Dann kann es vorkommen, dass die Mode sich ändert und die Hunde wieder größer werden. Ein derartiger Pendeleffekt lässt sich in der Morphologie der Rassen häufig feststellen.
Rassebedingte Unterschiede
Das Aufstöbern von Kaninchen unter Sträuchern oder das Aufscheuchen von nahezu unfassbaren Schnepfen in einem unzugänglichen Tannenwald hat mit dem Erdrosseln eines Fuchses und dessen Apportieren oder dem Töten eines verletzten Rehs nichts gemeinsam. Aus diesem Grund haben die Engländer den Cocker und die Deutschen den Drahthaarterrier geschaffen. Gewiss sind alle Hunde vielseitig, jedoch nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Die anfängliche Selektion, die zu den verschiedenen heutzutage bekannten Hunden geführt hat, trug Jagdsituationen Rechnung, die mit den heutigen nicht unbedingt vergleichbar sind. So dienen bestimmte Rassen, die für einen klar definierten Zweck geschaffen wurden, heute zu etwas anderem und das Kriterium der Größe, das anfangs von Wichtigkeit war, ist es technisch gesehen möglicherweise heute nicht mehr. Hier kann durch Einhaltung des Rassestandards die typische Morphologie einer Rasse beibehalten werden, obwohl ihr Einsatz im Gelände nicht mehr unbedingt von ihrer ursprünglichen Größe abhängt. Umgekehrt kann das strikte Einhalten einer genauen Größe mit dem Argument, dass die ursprüngliche Morphologie einer Rasse nicht verändert werden darf, Grund für einen Mangel an Anpassung sein und schließlich zum Aussterben der jeweiligen Rasse führen.
"Gebrauch" und "Schönheit"
Können sich die Hundefreunde in diesem Punkt nicht einigen, hat dies zur Folge, dass in einer Rasse zwei verschiedene Typen auftreten: der so genannte "Schönheitshund" und der "Gebrauchshund", die sich im hinblick auf Morphologie und Größe stark unterscheiden. Es ist kennzeichnend festzustellen, dass der letzt genannte Typ im Allgemeinen eine geringere Größe und im übrigen auch ein geringeres Gewicht als ersterer aufweist, was zeigt, dass zu den körperlichen Vorzügen eines Jagdhundes nicht unbedingt einige Zentimeter und einige Kilos mehr gehören müssen. Im Falle offiziell zwischen Schönheit und Gebrauch differenzierter Rassen, wie dies in den angelsächsischen Ländern der Fall ist, kann man mit Fug und Recht behaupten, dass die Kleinen im Gelände häufig am besten abschneiden. In Frankreich, wo es nur jeweils einen Verein pro Rasse gibt, herrscht die Theorie des "schönen und guten Hundes" vor, wobei der Rassestandard eingehalten wird und in diesem Rahmen der Erhalt oder vielmehr die Verbesserung der Jagdqualitäten im Vordergrund steht. Daher können einige Hunde, die dem Standard nicht entsprechen, da sie zu groß oder zu klein sind, sich nicht offiziell fortpflanzen, selbst wenn sie von beträchlicher Intelligenz sind und hervorragende Jagdqualitäten aufweisen. Ist dies für die jeweilige Rasse gut oder schlecht? Dies kann man nicht genau sagen; ein Hund ist jedoch nicht allein deshalb ein schlechter Jäger, nur weil er nicht in das im Verein seiner Rasse geltende Größenschema passt. In einer Rasse gibt es sowohl große als auch kleine Hunde, die sehr wohl dem Standard entsprechen. Der Größenunterschied kann Zufall oder aber das Ergebnis einer Selektion auf eine bestimmte Aufgabe hin sein.
Eine Frage der Spezialisierung
In ein und der selben Rasse lassen sich regelmäßig Größenunterschiede zwischen Hunden verschiedener Herkunft feststellen. Hierbei nimmt jeder Züchter seine eigene Selektion vor, wobei er die Standards einhält. Gebrauchshundchampions scheinen wendiger zu sein als Schönheitschampions; dies ist keine Frage der Mode, sondern der Spezialisierung. So findet man auch in ein und dem selben Wurf sowohl große als auch kleine Tiere. Beeinflusst dies die Effizienz? Auch hier kommt es darauf an, ob man einen Spezialisten sucht, der für seine zukünftige Tätigkeit eher geeignet ist, wenn er größer oder kleiner ist. Ansonsten besteht keinerlei Bezug zwischen den Qualitäten eines Hundes und seiner Größe. So sind zum Beispiel meine besten Jagdsetter ein kleiner Rüde und eine große Hündin und meine beiden Top-Schnepfenjäger ein großer Rüde und eine Hündin, die knapp die Mindestgröße von 53 cm aufweist. Sowohl das eine als auch das andere Paar habe ich im Alter von acht Wochen aus ein und dem selben Wurf ausgewählt. Da man über zwei Monate alte Welpen keine Prognosen anstellen kann, habe ich das erste Paar anhand ihrer Fellfarbe ausgewählt (Lemon Claire, damit sie im Wald besser zu sehen sind) und das zweite, zwei Blue Belton, weil sie so auffällig wie ihre Mutter aussahen. Ein Liebhaber von Settern, der sich vor kurzem einen jungen Rüden ausgesucht hat, hat dem kleinsten von allen den Vorzug gegeben. Auf diese Weise hat er immer gute Hunde gehabt. Hatte er einfach nur Glück gehabt oder machte er sich eine natürliche Selektion zu Nutze, der zufolge sich der kleinste Welpe eines Wurfs gegen seine größeren Geschwister durchsetzt und sich daher auf jeden Fall zu helfen weiß und intelligent ist? Diejenigen, die der Meinung sind, dass die Größe des Hundes sich auf seine Leistung auswirkt, sollen ruhig in diesem Glauben bleiben, denn es ist nichts Schlechtes daran, unter den guten Vorzeichen eines günstigen Vorurteils durchs Leben zu gehen.
J.-P. Koumchasky
Zeitschrift "Le Chasseur Français" (Der französische Jäger)



